Linsenpflanze und Linsenanbau

Alte Kulturpflanze

 

Linsenflasche von Matzhausen
Linsenflasche Matzhausen

Die Kulturform der Linse wurde zuerst in Süd-West-Asien gezüchtet. In den alten Kulturen in Mesopotamien, Ägypten, Persien und Israel waren Linsen Volksnahrungsmittel. Besonders bekannt sind die Grabbeigaben aus der 12. ägypt. Dynastie und die Erwähnung des Linsengerichtes im Alten Testament. In Mitteleuropa ist die Wildform der Linse zuerst für die bandkeramische Kultur nachgewiesen. Seit der Bronzezeit sind Kulturformen mit größeren Samen bekannt.

In Matzhausen wurde bei Ausgrabungen im 19. Jahrhundert eine mit Tiermotiven verzierte Linsenflasche gefunden. Die Gefäßform ist typisch für die keltische Latènezeit (Neues Museum Berlin).

Ein hübscher Schmetterlingsblüter

Foto Linsenblüte

Die Linse (lat. lens culinaris) ist eine hübsche, buschige Pflanze und stammt aus der Familie der Schmetterlingsblütler. Sie hat deshalb Ähnlichkeit mit Wicken oder Erbsen.

Der feingliedrige Spross wird etwa 20 bis 50 cm lang, die kleinen bläulich-weißen oder blauen Blüten sitzen an langen Stilen und sind winzig klein. Die Blüten bestäuben sich selbst: im Blütenschiffchen sind sowohl die männlichen Staubfäden mit Pollen als auch die weiblichen Fruchtknoten mit Griffel und Narbe.

 

Linsenblüten

Nach der Befruchtung setzen sie je nach Art ein bis zwei, in seltenen Fällen auch drei diskusförmige Samen an, die in den Hülsen heran reifen. Während der Reifezeit verfärben sich die Hüllen und werden braun.

Der Erntezeitpunkt will gut gewählt sein: Oftmals sind die unteren Teile der Plfanze schon reif und die Hülsen platzen auf, während die Pflanze in ihren oberen Teilen noch blüht.

Robuste Pflanze auf nährstoffarmen Böden

Die Linse ist einjährig, in wärmeren Gebieten auch mehrjährig. Die Pflanze liebt kalkhaltigen, nicht allzu nährstoffreichen Boden und ein warmes, trockenes Klima. In Europa wachsen sie z.B. auf vulkanischem Boden wie in der franzöischen Auvergne (Puylinsen, Blonde Linsen aus St. Flour), im italienischen Umbrien (Castellucchio-Linsen) oder auf der Insel Pantellaria bei Sizilien.

Die Linsen produzieren ihren Dünger selber: An den Wurzeln bilden sich stickstoffgefüllte Knötchen. Verbleiben die Knöllchen nach der Ernte im Boden, reichen sie diesen mit Stickstoff an, der von nachfolgenden Anbauten genutzt werden kann (allerdings ist die produzierte Stickstoffmenge im Vergleich zu anderen Leguminosen gering).

Linsen sind wenig anfällig gegen Schädlinge, deshalb kommen Düngemittel selten zum Einsatz.

Linsen und Herbizide

Auch wenn Düngemittel selten eingesetzt werden, bedeutet dies nicht, dass konventionell angebaute Linsen "ohne Chemie" angebaut werden. So werden in Kanada und der Türkei der Reifungsprozess chemisch mit Glyphosat gesteuert, einem Totalherbizid, das die Pflanze zum Absterben bringt, so dass ohne Grünanteile geerntet werden kann. Das Herbizid hinterlässt Rückstände und bis vor Kurzem war der Export in die EU problematisch, da die erlaubten Höchstwerte z.B. in den USA und Kanada deutlich höher waren als in der EU. Im Mai 2012 hat die EU-Kommission den Glyphosat-Rückstandsgrenzwert von 0,1mg/kg auf 10mg/kg erhöht, um den Import der nordamerikanischen Linsen zu ermöglichen - zu Lasten der Gesundheit der Verbraucher und Verbraucherinnen. Ein weiterer Grund, beim Einkauf auf Bioprodukte zu achten!

Ökotest hat zuletzt im November 2012 Linsen getestet: In acht von 13 konventionell hergestellen Linsen, aber in keiner der Linsenproben aus Bioproduktion, waren nennenswerte Herbizidrückstände zu finden.

Getreide als Stützfrucht

Schneckentrieur
Schneckentrieur (Foto: BMK)

Linsen wachsen buschig, deshalb werden sie mit einer Stützfrucht angebaut. In der Regel ist dies eine Getreideart, z.B. Nackthafer. Dies macht den Linsenanbau wenig lukrativ: Die beiden Pflanzen müssen hinischtlich der Reifezeit aufeinander abgestimmt werden, da sie zeitgleich geerntet werden; der Linsenanteil einer Ernte z.B. auf der Schwäbischen Alb liegt bei etwa 50 Prozent. Und: Nach der Ernte müssen Getreide und Linsen voneinander getrennt werden. Hierzu wird die Getreide-Linsen-Mischung zunächst vorgereinigt und getrocknet, um sie dann voneinander zu trennen. Hierzu wird ein so genannter Trieur eingesetzt, der mit unterschiedlich großen Lochsieben ausgestattet ist. Trotzdem können sich mitunter Getreidekörner in die Linsenernte "verirren". Menschen, die unter Glutenunverträglichkeit leiden, sollten deshalb - ähnlich wie Aschenputtel seinerzeit im Märchen, die Linsen durchsehen.

Anbaugebiete weltweit

Weltweit werden etwa 70 Linsensorten angebaut, überwiegend in Asien. Indien deckt etwas zwei Drittel des weltweiten Bedarfs. Auch in Kanada finden sich große Anbaugebiete (etwa 20% Anteil an der weltweiten Produktion).

Aber auch in der Türkei, in Syrien und Lateinamerika wird die Hülsenfrucht gepflanzt. In Europa ist Spanien führend. Kleinere Anbaugebiete finden sich auch in Frankreich (Auvergne), Italien (vor allem in Sizilien) und in Griechenland (auf der Ionischen Insel Lefkada im Bergdorf Eglouvi). Sogar in Deutschland werden auf der Schwäbischen Alb seit 1985 Jahren wieder Linsen angebaut (die so genannten Alb-Leisa) und seit kurzer Zeit auch im Westerwald auf dem AnnAHof in Orfgen.

Ein besonders interessantes Linsenanbaugebiet liegt in Ägypten, ca. 50 km nordöstlich von Kairo, mitten in der Wüste. 1977 gründete Ibrahim Abouleish das Unternehmen SEKEM („Lebenskraft aus der Sonne“), das es sich zum Ziel gesetzt hat, die Wüste für die biologisch-dynamische Landwirtschaft zu erschließen. Angebaut werden Bio-Lebensmittel, aber im Unternehmen werden auch Gesundheitsprodukte und Textilien aus ökologischem Anbau hergestellt. SEKEM betreibt gemeinnützige Institutionen (z.B. Bildungseinrichtungen) und hat das Fair Trade-Siegel in Ägypten eingeführt. Linsen aus der SEKEM-Partnerschaft gibt es bei amorebio.

 

Die Pflanzenfotos auf dieser Seite stammen von Frau-Doktor. Weitere schöne Fotos (auch zum Anbau) sind auf der Internetseite von Thomas Stephan zu finden, der das Buch "Alb-Leisa. Linsen von der Schwäbischen Alb" (Text: Woldemar Mammel) bebildert hat. Dieses Buch sei jedem empfohlen, der sich für die Geschichte der Alb-Leisa, ihrem Anbau und den Menschen auf der Schwäbischen Alb interessiert.